Gefragt: Integration und Infrastruktur

Was muss eine Stadt mitbringen, um in Zukunft erfolgreich zu sein? Welche Rolle nimmt in diesem Zusammenhang die Mobilität ein? Thesen von Prof. Dr. Andreas Pinkwart*)


Globalisierung und Digitalisierung wie auch Neoökologie verändern unsere Städte – und zwar mit enormem Tempo. Die Städte sind das Aktionsfeld vieler Bereiche – Bildung, Wissenschaft, Unternehmen, Handel, Gesundheit, Soziales, Medien und Kultur. All diese Bereiche unterliegen einem massiven Wandel – und das hat erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft der Stadt.

Im Zentrum steht hierbei der Mensch. Mit seinen unterschiedlichen Talenten, Bedarfen und Interessen braucht er ein Umfeld, in dem er sich vielseitig entwickeln, aber auch soziale Verantwortung wahrnehmen kann.

Für diesen Menschen sind Städte in jeder Hinsicht – durch ein reiches Kultur- und Bildungsangebot zum Beispiel – lebenswerter geworden. Verloren die Städte im Laufe der Industrialisierung  vor allem für Familien wie auch für Betriebe und den Handel an Attraktivität, erleben wir seit geraumer Zeit eine rasante Umkehr der Stadt-Land-Wanderung.

Nach dem Konzept der einstigen in Leipzig erfundenen Mustermesse wird die Stadt wieder der Ort, an dem man das Neue vorstellt und für die Menschen erfahrbar macht. Die Menschen wollen sich in der Innenstadt begegnen und suchen dort den Austausch, neue Anregung und Unterhaltung. Besonders erfolgreich entwickeln sich dabei jene Städte, die sogenannte „smart people“ anziehen und an sich binden. Gemeint sind solche Menschen, die über Wissen und Unternehmergeist verfügen, die risikobereit und weltoffen sind, die Dinge vorantreiben wollen. Diese Menschen suchen sich Städte, die spannend sind, die sie kulturell anregen, die familien- und umweltfreundlich sind, kurze Wege ermöglichen und wo sie auf andere weltoffene Leute treffen.


Die Grenzen zwischen Individual und öffentlichem Personenverkehr werden fließender


Vielfach wird heute an der Mobilität der Zukunft gearbeitet. Gefragt ist dabei ein fairer Wettbewerb um beste Lösungen für morgen. Hierzu müssen die verschiedenen Verkehre umweltfreundlich aufeinander abgestimmt und neue Mobilitätskonzepte entwickelt und ausprobiert werden – wie etwa Bike- und Car-Sharing. Hierzu zählt die kabellose Stromübertragung im ruhenden Verkehr wie auch auf Zufahrtstraßen etwa über Induktionsschleifen. Der öffentliche Nahverkehr hat ebenfalls noch Potenzial. Zudem werden die Grenzen zwischen Individual- und öffentlichem Nahverkehr künftig fließender.

Die digitale Transformation in den Unternehmen gelingt dort erfolgreich, wo die anderen Teilsysteme den Veränderungen ebenfalls offen gegenüberstehen und sie proaktiv unterstützen. Dies beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die Wissenschaft (entrepreneurial university), sondern auch auf den öffentlichen Sektor (entrepreneurial city & region), der beim Wissens- und Technologietransfer wie bei der Gründungs- und Innovationsförderung mit Hilfe der neuen Medien gleichsam unternehmerisch agieren kann und sollte. Was wertgeschätzt wird, sind ebenso innovative, vielseitige wie überschaubare Städte mit kurzen Wegen. Sie sollten ein positives Lebensgefühl vermitteln und das zivilgesellschaftliche und sozialunternehmerische Engagement in den Stadtteilen fördern, das hilft soziale Spannungen zu vermeiden und die Integration zu erleichtern. Hierzu brauchen Städte flexible und agile Strukturen sowie eine unternehmerische Führung.

Die Bereitschaft zur ständigen Fortentwicklung des innerstädtischen Bestands, die Schaffung hinreichenden sozialverträglichen Wohnraums sowie eine gesunde Durchmischung der Stadtteile und Entwicklung intelligenter Mobilitätskonzepte sind von zentraler Bedeutung oder wie es Hans-Dietrich Genscher einmal so treffend zum Ausdruck gebracht hat: "Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit." Das schafft Raum für Fantasie und eine dynamische Stadt- und Mobiliätsentwicklung.



*) Prof. Dr. Andreas Pinkwart, 56, ist Rektor sowie Inhaber des Stiftungsfonds Deutsche Bank Lehrstuhls für Innovationsmanagement und Entrepreneurship an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Der ehemalige FDP-Politiker war u.a. stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen.